Der Kontakter, 03.04.
Ein Faible für skurrile Geschichten GRIP NR24
Die Frankfurter (Kurz-) Filmemachering Birgit Lehmann von Sabine von Bebenburg
Zuhause hat sie sich ein farbenfrohes Reich geschaffen: es gibt ein blaues, ein oranges und ein gelbes Zimmer, der Flur schimmert zart-rosa, die Küche gleicht einem grünen Dschungel, das Klo einem Kitschtempel.
Seit 18 Jahren wohnt die 42jährige Birgit Lehmann in ihrer Wohnung in Frankfurt-Bornheim. »Alles muß passen«, erläutert sie in ihrem gelben Arbeits-
zimmer, in dem neben dem Computer eine aus China mitgebrachte Babyschlange in Acryl grinst, Ordner nach einem ausgeklügelten Ordnungssystem in maßgeschneiderten Regalen untergebracht sind, umgeben von Fotos und Bildern von Klee, Hopper und Botero, derweil im Ofen ein künstliches Kaminfeuer vor einem Steinrelief flackert.
Deshalb hat sie ihre Einrichtung selbst gebaut und deshalb hat sie auch anfangs in ihren Kurzfilmen fast alles selbstgemacht. Angefangen hat es für die gelernte EDV-Kauffrau und Sozialarbeiterin über das Fotografieren. Aus Foto-Reportagen macht die Autodidaktin Foto-Filme: »A nice day«, ihr erster Film, ist das ironische Resümee ei¬ner Reise nach San Francisco mit Micky Remann, dem Wegbereiter der Unterwassermusik. Den theoretischen Überbau des Filmemachens lernt sie, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung, im Studium der Germanistik, Film- und Fernsehwissenschaft kennen.
»Irgendwann werde ich etwas Besonderes für diese Welt leisten - doch was?« fragt sich die ratlose Heldin in »Immer hart davor«, Birgit Lehmanns zweitem Film, einer originellen Foto-Collage frei nach Ernst Jandl über die Schwierigkeiten kreativen Arbeitens. 1990 wird der Kurzfilm in Hof uraufgeführt und mit dem Bundesfilmpreis bedacht. Für Förderung und Prädikat gibt es Referenzmittel für weitere Filme. Birgit Lehmann beginnt, Geschichten mit bewegten Bildern zu erzählen, dabei arbeitet sie mit Frankfurter Kameraleuten zusammen, Mathias Neumann und später Vita Spieß. Das Portrait der schrägen Millionenerbin Florence Foster Jenkins, die musikverliebt, aber gänzlich unbegabt, die Zuhörer in der New Yorker Carnegie Hall mit ihrer gnadenlos falschen Version der Arie der Königin der Nacht beglückte, wird ihr nächster Film. Dabei bedient sie sich des Stilmittels des fake-documentary, bei dem sie historische Begebenheit mit Fiktion auf eigenwillige Art vermengt. Was Sein und was Schein ist in ihren Filmen, weiß selbst die Filmbewertungsstelle manchmal nicht...
Ende 1993 formiert sich mit ihr im Frankfurter Filmhaus die Drehbuchgruppe Script Factory Frankfurt. Fortan arbeitet die geborene Rüsselsheimerin sowohl als Regisseurin wie auch als Autorin für verschiedene Auftragsproduktionen.
Dass der Kontakt zur Welt der werktätigen Bevölkerung dabei nicht verloren geht, dafür sorgt ihre kontinuierliche Arbeit als Seminarleiterin beim DGB. Mit dem Titel ihres Seminars über Science-Fiction Filme »Beam me up, Scotty« schafft sie es im Zuge der Debatte um den Bildungsurlaub bis in die Schlagzeilen der Bild-Zeitung. Ihre Erfahrung mit Langeweile in einem Büro, in dem es an Arbeit mangelt, verarbeitet Birgit Lehmann in ihrem nächsten Kurzfilm »Zimmer 313«, einer detailsicheren Groteske über den täglichen Kleinkrieg zweier Sachbearbeiterinnen, die auf Festivals mehrere Publikumspreise gewinnt. Hinzu kommt ihr eigenes Talent als Performerin und Moderatorin. Angeregt durch die souveräne Inszenierung ihrer Filmpremiere holt Heinz Badewitz sie 1995 als Betreuerin und Moderatorin für seine Internationalen Filmtage nach Hof, ein Job, den Birgit Lehmann heute noch gerne macht.
Aus Filmresten von »Zimmer 313« bastelt sie ihren nächsten Film »Erfolg« zusammmen, der - nomen est omen - ebenso wie sein Vorgänger, den Friedrich-Murnau-Kurzfilmpreis erhält. Gleichzeitig schreibt sie ihr erstes langes Spielfilm-Drehbuch als Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt München: »Die verlorene Zeit« über die Begegnung einer Psy-
chiatrie-Ärztin mit dem Phänomen der Multiplen Persönlichkeit. Und sie beginnt mit Recherchen über einen Ort in Thüringen, in dem eine Bewohnerin gelebt hat, deren Geschichte frappierende Ähnlichkeit mit einem Film Hitchcocks aufweist. Drei Jahre werden sich die Arbeiten an dem Film mit dem umständlichen Titel »Als Hitchcock in Auerstedt auf Eiermanns Else traf« hinziehen: Recherchen, Dreharbeiten und, am langwierigsten, die Postproduktion. Wochenlang schneidet sie akribisch 9 Stunden Rohmaterial, v.a. Interviews, zusammen, bis alles in wirkungsvollen 15 Minuten verpackt ist. Fachlich unterstützt wird sie dabei von Parviz Mir-Alis Tonstudio und am AVID von Rainer Gehrischs Filmproduktion. In ihrer von Hessen und Thüringen geförderten Dokumentation weist Birgit Lehmann im Stile des investigativen Fernsehjournalismus auf wundersam komische Weise plausibel nach, dass Hitchcock die Inspiration für Psycho und einige seiner anderen Filme durch die Begeg¬nung mit dem Auerstedter Faktotum Else erhalten haben muss. Aber die Muse Else küsste offenbar noch einen Anderen: Das Schlussbild des Films zeigt ein altes Klassenfoto mit einem kleinen blonden Blechtrommler am Bildrand ...
Als eine Mitarbeiterin des Stockholmer Goetheinstitutes im Oktober 1999 in Hof den Film bei seiner Premiere sieht, holt sie ihn flugs als Vorfilm für Schlöndorffs »Blechtrommel« ins Beiprogramm der Nobelpreisverleihung an Günther Grass. Schlöndorff lobt in einem Fernsehinterview: »ein glänzendes Werk«. Schon in Hof überschlagen sich die Kritiker, Hans-Dieter Seidel beschließt im FAZ-Feuilleton seine Hof-Berichterstattung 1999: »Alfred Hitchcock liebte dunkle Geheimnisse, heißt es. Birgit Lehmann aber müssen wir dafür lieben, wie sie sie lüftet«. Als Vorfilm für »Sonnenallee« hat der Film einen festen Verleihplatz erhalten. Eine englische Fassung ist in Arbeit.
Das Drehbuch für ihren nächsten Kurzfilm hat sie bereits verfasst: »Alles für den Hund« heißt es, handelt vom Kreislauf des Geldes und wurde durch eine Zeitungsnotiz in der Rubrik »Aus aller Welt« inspiriert. Einmal einen langen Spielfilm zu machen, das reizt Birgit Lehmann sehr, gleichwohl befürchtet sie, dass ihr dabei zu viele quotenorientierte Leute in ihren Film reinreden würden. Da bleibt die sonst so verschmitzt wirkende Filmemacherin eigenwillig. 2 Tage pro Woche als Drehbuch-Dramaturgin für Studenten der Kunsthochschule für Medien in Köln, Seminararbeit und Festivalbesuche lassen der chro¬nisch Überarbeiteten jedoch zuwenig Zeit, um noch alles selbst machen zu können. Da heißt es, sich entweder aufs Autorinnen-Dasein zu beschränken, weiter Kurzfilme zu machen - oder Verantwortung abzugeben. Ihr nächstes Werk, eine Art Märchen, will sie nicht mehr alleine, sondern gemeinsam mit Freunden aus Nordrhein-Westfalen produzieren. Gut, dass Frankfurt so zentral gelegen ist - bei all diesen Aktivitäten jenseits des »Filmlandes« Hessen.
(Birgit Lehmann drehte u.a. für Gehrisch + Krack ‚Shipped Ships', eine Dokumentation über ein Frankfurter ‚Moent-Art' Kunstprojekt, initiiert und gefördert von der Deutschen Bank) Das Geheimnis, was hinter schweren verschlossenen Türen oder dem Wonderbra schöner Frauen verborgen Frankfurter Agentur Schitto Schmodde Waack nicht lüften ist, kann die. Bei den Computer-Paketen, die Fujitsu Siemens zusammen mit T-Online anbietet, ist dies jedoch ganz anders: Auf amüsante Weise wird in zwei TV-Spots der PC angepriesen; weiter wird aufgeführt, was alles in ihm steckt und der Beweis angetreten, dass es sich um keine Mogelpackung handelt. Somit lautet das Motto auch „Da ist alles drin". Die Realisierung des Spots, der ab sofort auf privaten Sendern läuft, haben die Kreativen von SSW zusammen mit der Filmproduktionsfirma Gehrisch & Krack vorgenommen. Auf Kundenseite zeichnet Andreas Urbach verantwortlich. Undurchsichtig - durchsichtig!
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