HORIZONT 18/2006, 04.05.
Wiesbadener Kurier, 13.06.
RÜSSELSHEIM Die Entscheidung war überfällig. Nachdem in 2004 die Zahl der Einreichungen weiter deutlich gesunken war, hat sich auch das traditionell auf Zelluloid setzende Kurzfilmfestival schweren Herzens der digitalen Revolution gebeugt. Endlich oder leider? Das bleibt Geschmacksache.
Der Trend zu billiger produzierbaren Beta-, Digi-Beta- oder Mini-DV-Produktionen war für die Veranstalter einfach nicht aufzuhalten. Und so präsentieren die von der privaten Stiftung "Cinema Concetta Filmförderung" ausgerichteten Rüsselsheimer Filmtage bei ihrer zwölften Auflage neben 16 mm- und 35 mm-Produktionen erstmals auch digitale Formate. Diese unvermeidbare Öffnung hat zwar mit knapp 150 Einreichungen für eine Marke in Rekordnähe gesorgt, den Festival-Machern aber gleichzeitig tiefe Sorgenfalten und einen Kraftakt beschert. Will heißen: Noch mehr Sichtungsarbeit, zusätzlicher technischer Aufwand und doppelte Kosten, weil im Stadttheater eben eine zweite, elektronische Projektionsanlage installiert werden musste.
Ein ohnehin bescheidenes Budget, drastische Etat-Kürzungen, schwindende Sponsoren, aber explodierende Kosten - die inzwischen bundesweit renommierten Tage des satirischen Kurzfilms scheinen auf finanziell dünnes Eis geraten. Unverdrossen aber hält man die Eintrittspreise (zwischen 8 und 10 Euro) auf nostalgischem Niveau, unverändert trotzig wirbt das Programmheft weiter um ehrenamtliche Helfer und Spenden.
Die gute Nachricht: Qualität und Zuschauer Resonanz bleiben stabile Größen. Mehr als 1 000 Besucher, die wie immer als Jury fungieren durften, sind denn auch zu den beiden Festival-Tagen gepilgert, um 19 vorselektierte Arbeiten zu begutachten.
Die Problematik ist wie immer eine aus Äpfeln und Birnen: Animationen, Fiktion und Dokumentarfilme in einem Wettbewerb, das scheint schon diffizil genug. Wenn allerdings echte Mini-Clips wie Lornez Müllers köstlicher Einminuten-Trickfilm "Fliegen" gegen vergleichsweise opulente, inhaltlich aber eher bescheidene Spielfilmversuche wie Gökhan Sayims "Sein Kampf" (20:30 min) antreten, gerät die Bewertung in eine programmierte Schieflage.
Zu den Publikums-Favoriten, die wieder einmal mit hintergründigem bis schwarzem Humor aufwarten: Dorothea Nölle, mit 1 000 Euro und dem dritten Platz prämiert, führt in "Der Ausflug" für ihren typisch männlichen Protagonisten zu Ende, was mit einer typisch weiblichen Kontaktanzeige begonnen hat. Renate hat nämlich beschlossen, ihr Liebeslieben nicht mehr dem Zufall zu überlassen. Dass sie bei ihrer vermeintlich idyllischen Radtour ins Grüne allerdings an einen Ersatz-Jan-Ullrich gerät, lässt ihr Blind Date zur veritablen Tortur ausarten.
Aber selbst ihre Leidensfähigkeit hat Grenzen. Und ein Jeep die entschieden härtere Knautschzone als ein radelnder Chauvi. Den etwas anderen Blick auf eine etwas andere Sportart wirft die Doku-Satire "Ball of Fame" (2. Preis/2 000 Euro), die schon beim Hochschulwettbewerb von goEast 2004 reüssierte. Gregor Maria Schubert, selbst Mini-Golfer aus Passion, zeigt darin nicht nur, dass auch der kleine weiße Ball mit den wohl klingenden Namen "Turbo 7" oder "Dezutschmann 83" rund ist. Die Profis der wenig distinguierten Szene pflegen auch eine innige körperliche Beziehung zu den Kugeln des Ruhms. Bälle in der Unterhose sind dabei nur ein Ritual auf dem Weg zum perfekten Schlag. Perfekt gelungen scheint auch Oliver Seiters Bagger-Ballett in den einsamen Weiten der Tundra. "Titanen des Erdreichs" (1. Preis/5 000 Euro) spürt dort den letzten frei lebenden Exemplaren einer Spezies nach, die wir alle als domestizierte Haustiere kennen. Nur weiß kaum jemand, dass die sanften und scheuen Riesen in freier Wildbahn völlig neue Perspektiven hergeben. Das hat sich mit diesem Film nachhaltig geändert.
Peter Müller







